Was tun gegen Langeweile im Lockdown – von Sport über Serien zu Podcasts.


Womit beschäftigt ihr euch seit Corona unsere aufregende, schnelllebige Alltagswelt in eine quasi stillstehende, zähe Masse an identisch aussehenden Tagen verwandelt hat?

Ich persönlich würde natürlich gern zur Fraktion „Corona-Baby-Boom“ gehören, wie ihr wisst, hat sich das ja leider zunächst erledigt. Trotzdem habe ich mich im vergangenen Jahr unglaublich intensiv mit dem Thema Kinderwunsch auseinandergesetzt, durch die dazugewonnene Zeit, die man nicht mit Freunden oder Urlauben verbringen kann, noch viel mehr als im Jahr davor. Und während in meinem Bekanntenkreis die Lockdown-Schwangerschaften aus dem ersten Lockdown nun langsam ihre Babys in den Armen halten dürfen oder kurz davor sind, war mein erster Schwangerschaftstest nach der Fehlgeburt Ende Dezember erwartungsmäßig negativ. Doch selbstverständlich gibt es aus verschiedenen Quellen (Frauenärztin, Internet, Freundinnen, Familie) ein und dieselben Tipps, wie es endlich bald mit dem Kinderwunsch klappt: ich darf mir keinen Druck machen, soll Stress reduzieren und am besten einen anderen Fokus finden – dann werde ich quasi gar nicht merken, wie ich schwanger werde. Ja, das ist in meiner aktuellen Gedankenwelt nun wirklich unglaublich schwer vorstellbar. Doch auch wenn ich bei diesen gutgemeinten Ratschlägen einfach nur mit dem Kopf schütteln möchte, so ist sicher auch ein Stück Wahrheit dabei. Die Frage ist also nicht, ob sondern wie soll ich mich denn nur gut genug ablenken, um mich nicht rund um die Uhr mit meinen fruchtbaren Tagen zu beschäftigen. 

Offen für mein neues Mindset, habe ich also folgendes ausprobiert, um mir die Langeweile und das Gedankenkarussell zu vertreiben: 

  1. Versuch: Ich werde jetzt einfach fit

Ach ja, wer hat es im ersten Lockdown nicht auch versucht? Sobald ich meinen Instagram-Feed geöffnet habe, waren sie da: Diese perfekten Menschen (#nofilter), die sich im Lockdown vorgenommen haben, die Form ihres Lebens zu erreichen, die perfektes, cleanes Essen, hübsch angerichtet und mit Sesam dekoriert auf perfektem Geschirr zu sich nehmen. Denen es völlig genügt, zum Frühstück einen kalorienarmen Chiasamen-Gojibeeren-Spinat-Smoothie zu trinken, der natürlich auf Instagram gepostet wurde. Schließlich hat man es nicht getrunken, wenn es von den Followern nicht gesehen und für gut befunden wurde. Und dann geht es los, zumindest auf Instagram: Der Weg zum neuen ich. Yoga, Pilates, Fitness. Und von Tag zu Tag sieht man mehr Vorher-Nachher-Bilder (#fürmehrrealitätaufinstagram), die man selbst wohl niemals erreichen wird. Und auch nicht muss!

Ich bin ein typischer halb-sportlicher Mensch. Mein ganzes Leben lang war ich nie wirklich unsportlich, aber konnte einfach keine Passion für irgendeinen Sport entwickeln. Ich habe alles versucht: Turnen, Biathlon, Tanzen, Joggen, Schwimmen, Yoga, Pilates. Es lief auch immer alles gut – für die ersten zwei Monate. Dann kam die erste Erkältung oder ich hatte schlicht und ergreifend einfach keine Lust, meinen Mittwochabend im Training anstatt mit Chipsfrisch Oriental auf dem Sofa zu verbringen. Immer habe ich die Vereinsmitglieder beneidet, die eisern bei Wind und Wetter ihren Sport und ihre Mitstreiter als Priorität und nicht als notwendiges Übel betrachtet haben. Wie gerne würde ich zu den Menschen gehören, die Sport „brauchen“ – ein Mythos, der bei mir leider noch nicht zur Realität wurde. Aber jetzt ist es soweit – Lockdown. Ich gehe zwar tagsüber zur Arbeit, doch die Abende sind lang: nichts zu tun, Ablenkung erwünscht. Es steht fest: Ich werde fit. Ein altbekannter Motivationsschub setzt ein. Ich kenne dieses Gefühl. Nach monatelanger Sportabszinenz mit kiloweise Eis, Chips und Pizza („Ist ja jetzt eh schon egal“) erschleicht mich das Gefühl des dezenten Selbstekels. Ein Blick in den Spiegel oder auf die Waage und da ist die Stimme wieder: „Das sah aber schon mal besser aus!“ Die Dellen in den Oberschenkeln, der leichte Bauchansatz und der sehr stramm sitzende Reisverschluss bestätigen meine leise Vermutung, dass ich mich wohl doch ein wenig hab gehen lassen. Aber kein Problem – der Motivationsschub motiviert mich, mich selbst zu motivieren. Nur wozu? Es muss ja etwas im eigenen Wohnzimmer sein und so entscheiden mein Mann und ich uns dafür, eine dieser absurden „30-days-challenges“ zu machen. Für die nächsten 30 Tage heißt es nun zwei Mal pro Tag 45 min. Sport und kein Alkohol. Eine Herausforderung, aber machbar, so denken wir. Und mein Mann hat es tatsächlich (bis auf eine Alkohol-Ausnahme) durchgezogen – sein Vorher-Nachher-Bild sieht aber zugegebenermaßen ziemlich gleich aus. Und ich? Ich bin wieder in alte Muster verfallen. Die ersten fünf Tage liefen gut: morgens Yoga mit YouTube-Videos, abends eine Mischung aus Liegestütz, Hampelmännern und Bauch-Beine-Po-Übungen. Doch dann…ja, was dann? Ich habe keine Ausrede, ich bin nur leider einfach faul. Nach einer Woche musste also eine andere Ablenkung von Kinderwunsch und Lockdown her:

2. Ich werde doch nicht fit, sondern widme mich meinen wahren Talenten: Serien schauen

Ja, das passt schon besser zu mir. Der direkte Weg von der Arbeit auf die Couch war schon vor Corona mein Lieblingsweg, wenn auch deutlich seltener. Hier kenne ich mich also wirklich aus. Und Netflix verrät mir, was ich mir im letzten Jahr so alles angeschaut habe, eine bunte Mischung durch verschiedene Serien-Genres: Pretty Little Liars, Desginated Survivor, Lost und viele, viele mehr – ich habe sie alle gesehen. 

Am meisten gepackt haben mich zum einen die Klassiker wie Friends: Ich habe alle Staffeln verschlungen. Und ich war so traurig, als die Reise von Pheobe, Monica, Rachel, Joey, Chandler und Ross zu Ende ging. Das können sie mir doch nicht antun. Was soll ich denn nun mit meinen Abenden und Wochenenden anfangen? Wieder Sport machen? Niemals. Die nächste Serie muss her. Auch Lost hat mich stundenlang die Realität um mich herum vergessen lassen: Die ersten Staffeln rund um den Flugzeugabsturz und die unterschiedlichen Charaktere wie Jack, Kate und Sawyer waren wirklich spannend. Zu empfehlen für alle Serienfans, die auf Action, Survival und Abenteuer stehen. Mir persönlich wurde es aber irgendwann etwas zu ScyFi-mäßig, als der schwarze Rauch plötzlich zur allumfassenden Bedrohung wurde und wie aus dem Nichts ein ganzes Dorf auf der Insel co-existierte, Desmund in einem Bunker saß und seit Jahren alle 90 Minuten einen Knopf drückte und vom Ende mal ganz abgesehen – aber das behalte ich erstmal für mich, falls jemand noch vorhat, die Serie anzuschauen. In eine ganz ähnliche Richtung geht übrigens die neue Amazon Prime-Serie The Wilds: Neun Teenager-Mädchen stürzen mit ihrem Flugzeug ab und kämpfen auf einer einsamen Insel ums Überleben. Schnell stellt sich für den Zuschauer heraus, dass sie Teil eines großen Projekts sind und TrueManShow-mäßig durch verschiedene Kameras beobachtet werden. Ich freue mich schon auf die zweite Staffel!

Und last but not least möchte ich eine ebenfalls von mir gesuchtete Serie noch hervorheben: You – Du wirst mich lieben! Perfekt für alle, die sich im Genre Psycho/Stalker gut aufgehoben fühlen. Die Serie beleuchtet eine Stalker-Geschichte zwischen Joe und Becks näher, und zwar aus der Perspektive des charmanten Stalkers Joe. So sympathisiert der Zuschauer mit dem „Bösewicht“, was die Serie wirklich interessant macht. Joe verliebt sich in Becks und weicht vor nichts zurück (auch nicht vor Mord), um sie für sich zu gewinnen. In der zweiten Staffel wird die Geschichte um Joe noch intensiver, da er für die „Liebe“ (was in Joes Welt gleichzusetzen mit Besessenheit ist) sogar die Identität einer anderen Person annimmt. 

Tja, und irgendwann wird dann auch die Auswahl an den besten Serien geringer. Nachdem die letzte Folge von You über den Fernseher geflackert ist, war es dann auch mit meiner Lust auf eine neue Serie dahin. Ich habe jedoch noch eine dritte „Sucht“, die mir den Alltag etwas versüßt:

3. True-Crime-Podcasts: Irgendwie etwas gestört, doch einfach unglaublich spannend

True Crime-Podcasts erzählen wahre Verbrechen nach und beleuchten die Seiten der Opfer und Täter näher. Es handelt sich also – anders als in Serien – nicht um Fiktion, sondern um tatsächliche Fälle, in denen es um Mord, Totschlag, Stalking oder andere Verbrechen geht. Ich habe diese Leidenschaft nach einem Tipp einer meiner Freundinnen entwickelt und habe inzwischen einige Podcasts für mich entdeckt. Meine drei Favoriten stelle ich hier gerne vor. 

Auf Platz 3 steht für mich ZEIT Verbrechen: Sabine Rückert und Andreas Sentker sprechen über eine große Bandbreite an unterschiedlichen Kriminalfällen und behandeln dabei viele Arten von Verbrechen: Mord, Erpressung, Entführung, aber auch Terroranschläge, Sekten, Justizirrtümer und Kunstfälscherei. Mir gefällt es sehr gut, dass alle Fälle unglaublich detailliert und gut recherchiert sind. Der Hörer erhält hier alle notwendigen Informationen, um jegliche Facetten des Verbrechens verstehen und nachvollziehen zu können. Außerdem werden immer wieder interessante Gäste eingeladen, die hautnah mit den Fällen in Verbindung waren und wertvollen Input leisten. Allerdings hat sich der Podcast für meinen Geschmack im Laufe der Zeit etwas wegentwickelt von spannenden Einzelfällen hin zu vielen eher politisch ausgerichteten Fällen. Wer sich jedoch für diese Verbrechensfälle interessiert, ist bei ZEIT Verbrechen perfekt aufgehoben. Mein „Lieblingsfall“ war wohl derjenige über die 13-jährige Maria H. und den 52-jährigen Bernhard H.. Sie lernten sich über das Internet kennen und Bernhard H. macht sich an Maria heran, er sagt, er liebe sie. Die beiden verschwinden für fünf Jahre und reisen gemeinsam durch Europa. Bis Maria im Jahr 2018 plötzlich wieder zu ihrer Mutter nach Freiburg zurückkehrt und von ihren Erlebnissen erzählt. Der Fall hat mich sehr bewegt und wurde von Sabine Rückert und Andreas Sentker extrem gut in ihrem Podcast wiedergegeben. 

Mein Platz 2 der TrueCrime-Podcasts ist Mordlust- Verbrechen und ihre Hintergründe. Paulina Graser und Laura Wohlers sprechen über Fälle aus Deutschland. In jeder Folge bereiten die beiden jeweils ein Verbrechen vor und erzählen sich gegenseitig davon. Mir gefällt die authentische Art der beiden Frauen und die gute psychologische Aufarbeitung der Fälle. Zudem haben die Podcasterinnen und Fernsehjournalistinnen eine steile Lernkurve seit den ersten Aufnahmen gemacht. Auch die Auswahl der Kriminalfälle ist stets spannend und für die abschließenden Diskussionen über psychologische oder juristische Fakten zu den Fällen werden regelmäßig Spezialisten interviewt. Tatsächlich habe ich auch strafrechtlich viel gelernt durch ihren Podcast- zum Beispiel, wann eine Tötung als Mord und wann als Totschlag vom Gericht verurteilt wird, was von den sogenannten Mordmerkmalen abhängt. Der Podcast wird gelegentlich kritisiert, da die beiden Hosts auch mal lachen und Witze machen. Man muss mit dieser Art von Umgang mit Gewaltverbrechen zurechtkommen, um diesen Podcast genauso zu mögen wie ich. Am spannendsten finde ich die Folge „Zweiter Prozess & Fixiert“. Hier geht es zum einen um die Frage, warum ein Mensch zum Mörder bzw. Täter wird, also welchen Einfluss Erfahrungen in der Kindheit auf einen Tätet haben; zum anderen geht es um Ulrike, die entführt und als „Sklavin“ gehalten wird.

Nummer 1 meiner Lieblings-True Crime-Podcasts schlägt tatsächlich in dieselbe Sparte wie Mordlust, für mich steckt hinter diesem Kanal aber noch etwas mehr Pepp: Mord auf Ex – Mörderisch gute Unterhaltung. Und genau das ist es. Dieser Podcast ist vielleicht nicht so wissenschaftlich wie ZEIT Verbrechen, dafür aber umso charmanter und breitgefächerter. Linn Schütze und Leonie Bartsch sprechen beim abendlichen Glas Wein über Serienmörder, Stalker und Entführer. Dabei wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die Podcasterinnen spielen bewusst mit dem zweischneidigen Schwert von ernsten und schrecklichen Themen, gleichzeitig behandeln sie diese mit Leichtigkeit und der nötigen Brise Humor, ohne respektlos gegenüber den Opfern oder Angehörigen zu werden. Sie behandeln Fälle aus der ganzen Welt und liefern wirklich unterhaltsamen Inhalt. Sie selbst beschreiben ihren Podcast folgendermaßen: „MORD AUF EX ist der True Crime Podcast, bei dem sich ein Glas Wein zu viel eingeschenkt wird. Dann wird los gegossiped: über Ted Bundys Mutterkomplex, Lieblingsprofiler John Douglas oder unser Liebesleben. Klingt alles ein bisschen absurd? Ist es auch.

Wir reden über die großen Verbrechen dieser Welt. Über Serienmördern, die sich im Kleiderschrank verstecken und auf ihre Opfer warten oder Cold Cases, die wir dann versuchen zu lösen. Über Phänomene wie das Stockholm-Syndrom, bis hin zu Killer-Sekten, seelenlosen Mafiosi, historischen Fälle wie Jack the Ripper oder bewegende Schicksalen, wie das einer indischen Kämpferin. Cheers!“ (Quelle: https://deutschepodcasts.de/podcast/mord-auf-ex-der-internationale-true-crime-podcast). Mein Lieblingsfall von Linn und Leo ist der Fall um Gypsy Rose und deren Mutter Dee Dee Blanchard, die nach der jahrelangen Pflege ihrer vermeintlich schwerkranken Tochter tot aufgefunden wird. Die Hintergründe dieses Falles sind wirklich unglaublich und haben mich tief schockiert. 

Und was macht ihr so?

So vertreibe ich mir also die Zeit, bis wir hoffentlich endlich wieder einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand halten dürfen. Doch auch die Podcasts, Serien und die allwöchentlichen Anflüge von Sportlichkeit werden irgendwann langweilig – Ich bin also sehr bereit für weitere Tipps, wie wir uns die Zeit verschönern können. 

Veröffentlicht von diewunderzelle

Ich hatte eine frühe Fehlgeburt in der 7. SSW. Wie verarbeitet man das? Wie lange darf man trauern und wie geht es weiter? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftige ich mich auf meinem Blog. Stets dabei: Die Hoffnung, dass bald alles besser wird!

Ein Kommentar zu “Was tun gegen Langeweile im Lockdown – von Sport über Serien zu Podcasts.

  1. Oh je! Hab leider auch keine anderen Tipps. Ich schaffs zum Glück ab und zu Sport zu machen, aber Netflix ist auch meine beste Freundin. Ansonsten gehe ich viel spazieren, aber auch das nervt. Wohnung aufräumen und ausmisten. Das nervt meinen Mann. Ich hoffe auch dass es bald vorbei ist.

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