Die Tage nach der Fehlgeburt


Fast eine Woche ist es nun her, seit die Wunderzelle uns verlassen hat und ich habe die Tränen nun nicht mehr direkt hinter den Augen sitzen. Ich spüre, dass ich innerlich beginne, damit abzuschließen und unsere Fehlgeburt zu akzeptieren. Es hilft, darüber zu schreiben und zu sprechen. 

Das Leben im Wartezimmer

Ein Zustand, den ich noch verarbeiten muss, ist mein neues Leben im Wartezimmer. Ich wache jeden Morgen auf, messe meine Basaltemperatur und rechne aus, wann ich ungefähr meinen Eisprung haben müsste. Dann rechne ich aus, wann unser Schatz dann wohl zur Welt kommen würde. Ob es wohl direkt wieder klappt? Sollte es überhaupt direkt wieder klappen oder könnte das gefährlich sein? Sollte ich nicht einfach einen Zyklus warten, Weihnachten und Silvester mit einem Glas Wein genießen und im neuen Jahr neu starten? Ich kenne die Antwort bereits: ja, das sollte ich. 

Doch es ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Was ist, wenn es dann nicht mehr klappt? Mit diesen Gedanken beschäftige mich, während ich warte, warte, warte. Warte, bis dieses dumpfe Gefühl in meiner Brust leichter wird, warte, bis ich am Montag wieder zur Arbeit muss und funktionieren muss, warte bis ich endlich im Weihnachtsurlaub bin und dann hoffentlich bald wieder schwanger bin. So möchte ich aber nicht leben, und so beschließe ich, am sechsten Tag nach meiner Fehlgeburt, nicht mehr zu warten. Einfach so!

Ich nehme mir vor, mich abzulenken, auch während meiner Krankschreibung noch. Verabrede Skype-Dates mit Freundinnen, bummle auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken durch die Stadt und plane, am Wochenende zu meiner Schwester zu fahren. Es wird besser. Ich spüre es! Körperlich bin ich wiederhergestellt. Ich habe keine Unterleibsschmerzen mehr, keine Blutungen und auch die Hormone scheinen sich beruhigt zu haben. Nach der letzten Kontrolluntersuchung in der Folgewoche wird es sein, als wäre nie etwas passiert. Zumindest äußerlich (oder innerlich, wenn man von meiner Gebärmutter spricht). 

Hilfe?

Ich hatte heute ein Telefonat mit einer Freundin, die es wirklich unglaublich gut mit mir gemeint hat und die offensichtlich sehr mit uns mitfühlt. Doch da waren sie wieder: die Top 5 der Dinge, die man sagt, wenn man vermutlich selbst noch nie in einer solchen Situation war. Ich hatte sie zwar bereits in einem früheren Text beschrieben, doch sie sind so frequent, dass ich mich gerne nochmal wiederhole; vielleicht findet ja jemand Trost in diesen Worten, ich kann mir aber leider nicht verkneifen, sie aus meiner Perspektive zu kommentieren:

  1. Ihr seid ja noch jung. Ihr könnt es wieder versuchen
    (ähm, ja und? Das bringt uns unser verlorenes Sternchen nicht zurück. Und ja, können wir, aber wird es auch klappen?)
  2. Es hatte wohl irgendeinen Defekt, und ihr wollt ja schließlich ein gesundes Kind. Es ist besser so.
    (natürlich wollen wir ein gesundes Kind. Aber wir wissen nicht, was es für einen Defekt hatte und was passiert ist. Das ist alles Gedankenspinnerei. Wir wissen es einfach nicht!)
  3. Es sollte wohl einfach nicht sein.
    (jop, danke dafür.)
  4. Die Natur regelt Dinge manchmal einfach von selbst, die man auch nicht verstehen muss
    (das stimmt sogar und davor habe ich wirklich Respekt.)
  5. Es passiert so häufig, damit muss man halt rechnen, vor allem so früh in der Schwangerschaft.
    (bringt mir nichts, bringt mir ÜBERHAUPT nichts!!! Vor allem, da um mich herum gesunde Babys sprießen wo auch immer man hinschaut – und nur um das klarzustellen, ich freue mich über jedes einzelne gesunde Baby in meinem Umfeld)
  6. Und noch ein letzter Favorit, den ich persönlich am verletzendsten finde: Ihr wart ja noch ganz am Anfang. Das war ja kaum eine richtige Schwangerschaft. Andere Frauen verlieren ihr Kind noch viel später und dann ist es richtig schlimm.
    (Autsch. Falls das jemand liest: Bitte sag das niemals. Man ist nicht „ein bisschen schwanger“. Man ist schwanger.)

Puh, das hat gute Laune gemacht. Wie reagiere ich auf diese Aussagen, die mir so überhaupt keinen Trost spenden? Ich nicke und lächle. Es ändert sowieso nichts. Und so frustriert das jetzt auch klang, so deutlich möchte ich dennoch folgendes machen: Ich bin meinen FreundInnen und meiner Familie über jeden einzelnen Satz und jeden Rückhalt in unserer Situation dankbar!

Meine Selbstmitleids-Minuten sind für heute vorbei und jetzt stelle ich auf den Trauermodus um. Und auch hier findet sich bald eine Lösung, ich kann es bereits spüren. Anstatt mich zu verkriechen, werden jetzt Plätzchen gebacken. Wenn ich schon nicht durch mein kleines Baby dick werden darf, so zumindest durch kalorienreiches, leckeres Soulfood! 

Veröffentlicht von diewunderzelle

Ich hatte eine frühe Fehlgeburt in der 7. SSW. Wie verarbeitet man das? Wie lange darf man trauern und wie geht es weiter? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftige ich mich auf meinem Blog. Stets dabei: Die Hoffnung, dass bald alles besser wird!

3 Kommentare zu „Die Tage nach der Fehlgeburt

  1. Deine Top5 habe ich auch schon gehört. Ich glaube dass es Deine Freundinnen natürlich nur gut meinen und nicht wissen was sie sonst sagen sollen. Ich hab dazu auch einen Beitrag geschrieben. Mir ist es am liebsten wenn man einfach nur ernst in seiner Trauer genommen wird: „Ja Jiuliena, so eine Fehlgeburt ist richtig scheisse!“ Was anderes kann man dazu auch nicht sagen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Jiuliena. Du hast damit absolut recht – so überspitzt ich das auch formuliert habe, so dankbar bin ich am Ende des Tages natürlich über jede Unterstützung, die ich bekomme. Und wie du es schon so schön gesagt hast: Es ist halt auch einfach scheisse!

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