Meine kurze Schwangerschaft


Der 13.11.2020 war der schönste Freitag, der dreizehnte, in meinem Leben. Die Tage zuvor hatten diesen ganz besonderen Moment, in dem ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, bereits unterschwellig angedeutet. 

Freitag, der 13.

Mein Mann und ich wussten bereits, dass es „geklappt“ haben könnte. Da ich meine Basaltemperatur messe, wusste ich, dass ich vor zwei Wochen einen Eisprung hatte. Die Rechnung ist denkbar einfach: Ungeschützter Sex + Eisprung = 30%ige Chance auf Schwangerschaft. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass ausgerechnet wir dieses Glück haben sollten, waren wir doch das ganze Jahr über nicht besonders vom Glück gesegnet gewesen. Wir hatten es nicht auf eine Schwangerschaft angelegt, aber ein Baby wäre von uns beiden zutiefst geliebt worden. Bereits vor meinem Schwangerschaftstest gab es Zeichen (die sich im Nachhinein sowieso sehr einfach deuten lassen).

Wirklich: Ich wusste es bereits. Die ganze Woche über war ich müde, abgeschlagen. Und mein Busen fühlte sich an als wäre ich frisch aus einem Boxkampf gekommen, der sich strikt auf die Brustgegend beschränkt hat. Als wären da lauter blaue Flecken. Natürlich sind diese sehr unspezifischen Symptome auch schon im Rahmen des berühmt-berüchtigten PMS aufgetreten, auch bei mir. Aber es war dieses Mal einfach anders…Ich wusste es einfach. Meine Temperatur hielt sich wacker auf der ihrer Hochlage und so wachte ich am 13.11. auf und dachte mir „ich mache jetzt den Test“. Gesagt, getan. Ganz langsam schlich sich die zweite helle Linie auf den kleinen Bildschirm des Schwangerschaftstests. Ich versuchte das nervöse Kribbeln zu unterdrücken und machte direkt noch einen Test – man weiß ja nie. Auch hier erschien diese magische zweite Linie. Ich spürte die Hysterie langsam in mir aufsteigen und schluckte ein blubberndes Kichern herunter. No Way. Ich bin schwanger. Ich nahm die beiden Tests und ging zurück ins Schlafzimmer. Ich weckte meinen Mann mit den Worten „Schatz, du musst jetzt stark sein. Weißt du, was ich hier in meiner Hand halte?“. Und natürlich wusste er es… Wir schauten uns an, die Tests an, umarmten uns, wussten nicht so wirklich, was wir mit uns anfangen sollen und wie wir reagieren sollten, hatten wir doch noch nie in unseren Leben diesen bunten Mix an Gefühlen empfunden. Niemand wird jemals auf diesen Moment vorbereitet. Mein nächster Instinkt war, meiner Schwester zu schreiben. Ich machte ein Bild von den Tests, schickte es an meine Schwester mit den Worten, sie solle es doch bitte für sich behalten, aber ich musste es ihr einfach sagen. Ihre Reaktion war wunderschön. Voller Freude und ehrlicher Aufrichtigkeit. Dies war er also. Der Moment, der unser Leben verändern sollte.

Wir? Eltern? Puh…

Eltern… Wir beide?! Die Personen, die wochenlang über Papierabfall, sorgfältig zur Erinnerung im Wohnungsausgang platziert (Entschuldigung an alle Brandschutzbeauftragten), steigen, anstatt sie einfach in den Papiermüll zu bringen? Die Personen, die auf dem Balkon Flaschen sammeln und mit den Sitzpolstern verdecken, aus den Augen, aus dem Sinn? Sind wir dafür wirklich bereit? Natürlich war da sofort wieder das Gedankenkarussell aus Sorgen und Ängsten – war unser Leben, wie es war, nun vorbei? Keine spontanen Urlaube mehr, keine feuchtfröhlichen Abende ohne Verantwortung? In meinem Kopf entwickelte sich mein kleiner Zellhaufen bereits zu einem Teenager, der mich hasste. Ja, wir hatten Angst. Aber da war noch ein größeres Gefühl: Stolz. Wir hatten das geschafft, wir hatten ein kleines Zellwunder in meine Gebärmutter gepflanzt. Und das Zellwunder würde es gut bei uns haben. Spontan verliebte ich mich in die Wunderzelle.

Die nächsten Tage waren in erster Linie geprägt von Müdigkeit, leichten Unterleibsschmerzen und Brustschmerzen. Und Hunger. Abgesehen davon ging es mir gut – zu gut? 

Meine Schwangerschafts-App teilte mir jeden Tag mit, wie groß unser Zellhaufen schon war und hielt schlaue Tipps bereit, wie wir uns auf die kommenden Monate vorbereiten können. Ich liebte es, jeden Morgen nach dem Aufwachen zu schauen, was ich heute Neues über die Wunderzelle lernen konnte. Ich fühlte mich so besonders, ich kam einfach nicht aus diesem Strudel aus Sorgen und Freude raus. Es war ein wundervolles, aufregendes Gefühl. Circa eine Woche später kamen bei mir die ersten Zweifel an der Intaktheit der Schwangerschaft auf. Sollte ich nicht inzwischen schon ein paar Symptome haben? Schließlich war ich in der sechsten Schwangerschaftswoche. Exzessives Googeln verriet mir, dass das kein Grund zur Sorge war, doch ich hatte bereits hier ein schlechtes Gefühl. Ich war zwar nach wie vor müde und unkonzentriert, doch auch die Schmerzen in der Brust ließen nach. Auch hier war Google mein Freund: Ist es schlimm, wenn die Symptome nachlassen? Muss nicht sein, kann aber…

Zweifel, Zweifel, Zweifel…

Meine Zweifel nahmen im Laufe der Woche zu. Inzwischen fühlte ich mich wie vor der Schwangerschaft, ganz normal. Hin und wieder hatte ich leichte Unterleibsschmerzen, ansonsten hätte ich genauso gut unschwanger sein können. Ich sehnte den ersten Frauenarzttermin herbei, betete, dass alles normal ist und meine Sorgen unberechtigt waren und dass ich mich dann endlich etwas entspannen konnte. Am Dienstag kaufte ich mir nach der Arbeit aus lauter Verzweiflung einen neuen Schwangerschaftstest, digital mit Wochenbestimmung. Er zeigte an „schwanger, 2-3 Wochen“. Zuerst freute ich mich riesig. So sehr, dass wir am Abend meinen Schwiegereltern von den großen Neuigkeiten erzählten. Ich platzte vor Stolz und Glück und wir mussten es einfach jemandem sagen. Und unseren Eltern würden wir es schließlich auch sagen, falls es schiefgehen würde… 

Es war ein toller Moment, die Freude in den Augen der baldigen Großeltern zu sehen. In scherzhaften Unterhaltungen schmiedeten wir bereits Pläne, was wir mit dem Nachwuchs unternehmen würden, wo das Babybettchen stehen würde…Wir betonten häufig, dass alles natürlich noch sehr unsicher ist, die ersten 12 Wochen und so… Natürlich hoffte ich inständig, dass einfach alles gut ging und wir nicht bereuen würden, es so früh ausgeplaudert zu haben. 

Am nächsten Tag dachte ich zurück an den positiven Test. 2-3 Wochen. Ich war in der sechsten Woche. Müsste da nicht eigentlich 3+ stehen? Aber ich habe den Test nachmittags gemacht, vielleicht war mein Urin einfach zu verdünnt. Oder? Ich wandte mich an meinen seinerzeit besten und treusten Freund: Google. „Schwangerschaftstest zeigt 2-3 Wochen, obwohl ich in der 6. SSW bin“ – zahlreiche Frauen in unterschiedlichen Foren hatten dasselbe Problem, bei zahlreichen Frauen stellte sich alles als unproblematisch heraus. Bei anderen wiederum nicht. Doch bei so vielen Frauen ging alles gut, bei mir vielleicht auch…?

Ich schleppte mich durch die Tage. Fühlte mich körperlich für mein Empfinden viel zu gut. Ich weiß, es klingt lächerlich, dass ich mir wünschte, mich übergeben zu müssen oder wenigstens Übelkeit zu empfinden. Frauen mit extremen Schwangerschaftssymptomen schütteln dabei sicherlich nur mitleidig mit dem Kopf. Ich klammerte mich an jeden Strohhalm, obwohl ich eigentlich tief in mir schon wusste, dass etwas nicht stimmte. Und dann war er endlich da – Freitag, der 27.11.2020. Mein erster Tag in der 7. SSW, mein erster Frauenarzttermin als Schwangere. Schlussendlich auch der letzte Tag meiner ersten Schwangerschaft. 

Veröffentlicht von diewunderzelle

Ich hatte eine frühe Fehlgeburt in der 7. SSW. Wie verarbeitet man das? Wie lange darf man trauern und wie geht es weiter? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftige ich mich auf meinem Blog. Stets dabei: Die Hoffnung, dass bald alles besser wird!

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